Was den Mauerfall selbst am 9. November 1989 angeht, weiß ich das nicht mehr, das war mehr oder weniger ein normaler Uni-Tag. Klar war die Nachricht ein Hammer und kaum zu glauben. Wieder und wieder zeigte das Fernsehen in den verschiedenen Nachrichtensendungen Schabowskis Bemerkung bei der Pressekonferenz.

Am Tag darauf saßen einige meiner Mitbewohner des Studentenwohnheims und ich zum Ausklang der fast täglichen Teerunde am Fernseher und schauten die 19-Uhr-Ausgabe der heute-Nachrichten an, die bereits Leute zeigten, die auf der Berliner Mauer standen oder auf die Mauer einhackten, die sogenannten Mauerspechte. Für alle von uns war klar: Das war erlebte Geschichte, und wir wollten dabei sein. Ortrud, Michaela, Ilona (und vielleicht Markus, ihr Freund?) und ich entschlossen uns: Wir fahren nach Berlin! Auf dem Stockwerk besprachen wir uns mit anderen, darunter auch Laszlo, damals als Gastwissenschaftler aus Ungarn ebenfalls auf unserem Stockwerk, und bald war für uns klar: Früh am nächsten Morgen wollten wir nach Berlin aufbrechen. Ich backte noch – quasi als Reiseproviant – einen Butterkuchen, und Ortrud rief ihren Bruder in Westberlin an, um eine Bleibe für uns zu organisieren. Michael und Thomas dagegen, die erst auch von der Idee begeistert waren, machten einen Rückzieher: Bei all den Menschen auf der Mauer war unsicher, ob nicht doch die Sowjetarmee dem ganzen Spuk ein Ende machen würde.

Jedenfalls machten wir uns zu sechst und in zwei Autos auf den Weg. Schon unterwegs hörten wir im Autoradio, dass die Transitstrecken nach Berlin und die Übergänge komplett überlastet seien. Also entschieden wir uns, die Autos in Braunschweig am Bahnhof zu parken und mit dem Zug weiterzufahren. Der Zug war natürlich proppevoll, aber immerhin – wir kamen ans Ziel, bereiteten unser Lager und pilgerten durch die Stadt.

Am Abend liefen wir zum Grenzübergang Chausseestraße und bestiegen einen der Aussichtstürme dort. Unten passierten unzählige Menschen aus der DDR die Grenze zu Fuß und in ihren Trabbis und Wartburgs. Ein älterer Mann auf dem Aussichtsturm schluchzte und erzählte uns, er habe miterlebt, wie Jahre zuvor die Versöhnungskirche an der Bernauer Straße von der DDR gesprengt worden war. Die Kirche stand auf der Grenzlinie, war zum Mauerbau geschlossen worden und erst 1985 gesprengt worden. Ein unglaublicher Moment.

Durch Berlin zu laufen, war in diesen Tagen einzigartig. Alle Welt war auf den Beinen. In den U-Bahnen war sämtliches Personal damit beschäftigt, dafür zu sorgen, dass die Menschenmassen sich nicht auf die Gleise schoben, damit der Bahnverkehr weiter lief. Fahrkarten waren Luxus.

Am Sonntag dann wurde bekannt, dass in der Deutschlandhalle ein kostenloses Konzert zur Begrüßung der DDR stattfinden sollte, das „Konzert für Deutschland“. Wir pilgerten dorthin und hörten zusammen mit vielen anderen zum Beispiel Udo Lindenberg, die Scorpions, BAP und Joe Cocker, der wohl extra eine Tournee in Dänemark unterbrochen hatte, um dabei zu sein. Leider fehlte die Zeit, das Konzert ganz mitzuerleben: Da einige von uns am Montag wieder in der Uni sein wollten, fuhren wir im Laufe des Sonntags dann wieder zurück nach Heidelberg.