Brockhaus Enzyklopädie
Bis ins letz­te Jahr­zehnt hieß Nach­schla­gen in der Regel: zum Regal gehen, das Lexi­kon raus­ho­len und blät­tern. Neh­men wir mal an, wir hät­ten was über die Rela­ti­vi­täts­theo­rie gesucht. Wer nur ein klei­nes Lexi­kon sein eigen nann­te, schlug die Sei­ten mit R auf und fand das Wort samt Erklä­rung, die stol­ze­ren Besit­zer etwa einer Brock­haus-Enzy­klo­pä­die oder der­glei­chen such­ten sich dann Band POT-RENS aus und fan­den den Arti­kel. Das war aber nicht alles. Zum Einen stan­den im Arti­kel auch Ver­wei­se auf ande­re Arti­kel, zum Ande­ren konn­te es ja sein, dass in ande­ren Arti­keln auch etwas über die Ein­stein­sche Theo­rie stand, aber woher wissen?

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In den 90er Jah­ren kamen also die ers­ten Lexi­ka auf CD-ROM wie bei­spiels­wei­se der Brock­haus mul­ti­me­di­al oder die Micro­soft Encar­ta . Sie bie­ten mitt­ler­wei­le nicht nur eine gro­ße Fül­le an Arti­keln, die in der Regel min­des­tens dem Umfang eines mitt­le­ren Lexi­kons von ca. 10 dicken gebun­de­nen Bän­den ent­spre­chen und eine rie­si­ge Men­ge an Mul­ti­me­dia-Ani­ma­tio­nen, Vide­os, Hör­bei­spie­len etc.

Das, was im gedruck­ten Lexi­kon die Ver­wei­se sind, lässt sich digi­tal mit Links zum jeweils ande­ren Arti­kel rea­li­sie­ren, das heißt, mit einem Klick ist man beim ande­ren Arti­kel, und nicht nur das: Die Tref­fer­lis­te zeigt dank der Voll­text­su­che alle Fund­stel­len des gesuch­ten Worts, und wenn man mal das Wort falsch schreibt, wer­den auch Alter­na­tiv­be­grif­fe “Mein­ten Sie …” ange­zeigt. Die digi­ta­le Brock­haus-Enzy­klo­pä­die (die auf einem ein­zi­gen USB-Stick Platz fin­det) hat sogar neu­es­te Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie ein­ge­setzt, sodass sie selbst natür­lich­sprach­li­che Fra­gen ermög­licht, wie etwa “Wel­chen Zusam­men­hang gibt es zwi­schen Überernäh­rung und Herz­in­farkt?” oder “Wel­ches Tier hat zwei Höcker?”.

WikipediaSeit eini­gen Jah­ren hat nun das Onlin­e­le­xi­kon “Wiki­pe­dia ” Furo­re gemacht. Nach dem Wiki-Prin­zip (von Hawai­ia­nisch wikiwiki=schnell) hat eine enga­gier­te Gemein­de Frei­wil­li­ger Wis­sen zusam­men­ge­tra­gen: teil­wei­se eige­ne Kennt­nis­se, teil­wei­se kopiert aus alten,mittlerweile urhe­ber­rechts­frei­en Lexi­ka, teil­wei­se wer­den auch öffent­lich ver­füg­ba­re Daten­ban­ken maschi­nell ein­ge­le­sen und zu Arti­keln gemacht. So war anfangs bei­spiels­wei­se mein Hei­mat­ort Rosche in der Lüne­bur­ger Hei­de mit exakt dem sel­ben Wort­laut ent­hal­ten wie sei­ne Nach­bar­ge­mein­den, nur mit unter­schied­li­chen Fak­ten wie Ein­woh­ner­zahl, Sitz der Ver­wal­tung, Bür­ger­meis­ter etc. “Schnell” heißt das Prin­zip, weil Ände­run­gen extrem schnell Ein­gang ins Lexi­kon fin­den. Um simp­le Text­än­de­run­gen vor­zu­neh­men, benö­tigt man kei­ne Programmierkenntnisse.

Das Gan­ze ist für jeden Benut­zer frei ver­füg­bar und kos­ten­los, und jeder Mensch kann dar­an mit­ar­bei­ten, nicht nur Exper­ten ihres Faches. Das ist einer­seits eine Stär­ke, da belie­big vie­le Men­schen ihr Wis­sen bei­tra­gen kön­nen, ande­rer­seits auch eine der Schwä­chen von Wiki­pe­dia: Denn jeder kann mit ver­meint­li­chem Wis­sen oder Des­in­for­ma­ti­on die­ses Online-Nach­schla­ge­werk mani­pu­lie­ren. Davon haben Unter­neh­men, poli­ti­sche Par­tei­en und Ande­re schon des Öfte­ren Gebrauch gemacht und dafür gesorgt, dass unlieb­sa­me Infor­ma­tio­nen über sie nicht mehr im Arti­kel stehen.

Siche­rer ist man da nach wie vor bei den Inhal­ten klas­si­scher Lexi­kon­ver­la­ge. Sie haben eige­ne Redak­tio­nen, in denen Wis­sen­schaft­ler aller Dis­zi­pli­nen jeden Arti­kel unter die Lupe neh­men und recher­chie­ren, ob es mitt­ler­wei­le neue­re und vor allem gesi­cher­te Erkennt­nis­se zum The­ma gibt. Klar, dass da nicht jeder Inhalt Platz fin­det, da teil­wei­se der Platz, aber vor allem auch die Arbeits­kraft begrenzt ist und nicht jeder Mensch jedes Stück­chen Wis­sen benötigt.

Noch eine ande­re Schwä­che hat Wiki­pe­dia. Die Such­funk­ti­on ist der­je­ni­gen in den füh­ren­den Mul­ti­me­dia-Lexi­ka hoff­nungs­los unter­le­gen. Es gibt zwar eine rele­vant­be­wer­te­te Suche, d.h. die Such­tref­fer sind mit Pro­zent­an­ga­ben ver­se­hen, wie stark der Arti­kel zum Such­tref­fer passt, aber wer bei­spiels­wei­se “Dor­sh” statt “Dorsch” schreibt, bekommt bei­spiels­wei­se kaum Hil­fe­stel­lung, ob eine ähn­li­che Schreib­wei­se statt­des­sen ent­hal­ten ist.

In der Zwi­schen­zeit haben Ver­la­ge längst auf die Wiki­pe­dia reagiert: Ber­tels­mann hat vor Jah­ren schon das wer­be­fi­nan­zier­te Por­tal wissen.de ins Netz gestellt und koope­riert seit Neu­es­tem mit dem “Spie­gel”. Unter wissen.spiegel.de kann man jetzt nicht nur in Arti­keln aus dem “Spie­gel”, son­dern auch in wissen.de und in der Wiki­pe­dia nach­schla­gen. Dabei wer­den hier in der Such­ergeb­nis­lis­te ein­fach die Arti­kel­an­fän­ge wie­der­ge­ge­ben, falls vor­han­den mit Abbil­dung. Auch hier gibt es kei­ner­lei Such­hil­fe.  Und wie die Abbil­dung rechts zeigt, scheint zumin­dest für das Nach­rich­ten­ma­ga­zin im Zusam­men­hang mit Ein­stein die “Pro­blem­zo­ne Po” der rele­van­tes­te Arti­kel zu sein.

Seit 2006 hat auch Mey­ers Lexi­kon­ver­lag auf der Basis der Soft­ware Medi­a­Wi­ki, die auch Wiki­pe­dia benutzt, “Mey­ers gro­ßes  Taschen­le­xi­kon in 24 Bän­den” unter lexikon.meyers.de wer­be­fi­nan­ziert ins Netz gestellt, seit 2007 auch mit der Mög­lich­keit, an Arti­keln mit­zu­schrei­ben. Das pas­siert aller­dings im Unter­schied zu Wiki­pe­dia so, dass die bear­bei­te­ten Arti­kel von der Lexi­kon­re­dak­ti­on über­prüft, ggf. kor­ri­giert und erst dann wie­der ins Netz gestellt wer­den. Wer also gleich­zei­tig sicher sein will, dass das Lexi­kon nicht mani­pu­liert ist und trotz­dem kos­ten­los nach­schla­gen möch­te, soll­te sich dort umschau­en, Ein wei­te­rer Plus­punkt hier: Es gibt eine “Mein­ten Sie”-Funktion, die beim Auf­fin­den des rich­ti­gen Arti­kels hilft.

Und in den letz­ten vier Wochen war in vie­len Medi­en schon die Rede davon: Brock­haus stellt ab Mit­te April die kom­plet­te Brock­haus-Enzy­klo­pä­die kos­ten­los und wer­be­fi­nan­ziert ins Inter­net. Der Ver­lag zieht damit die Kon­se­quen­zen dar­aus, dass immer mehr Men­schen im Inter­net nach­schla­gen und weni­ger die schö­nen, aber dicken Lexi­kon-Bän­de kau­fen. Wahr­schein­lich wird es kei­ne neue Auf­la­ge der gro­ßen Brock­haus-Enzy­klo­pä­die mehr geben. Immer­hin lässt sich mit klei­ne­ren gedruck­ten Lexi­ka nach wie vor Geld verdienen.

In Spe­zi­al­be­rei­chen ist die Wiki-Tech­no­lo­gie durch­aus span­nend: Es gibt eine Rei­he von Wikis, in denen man Spe­zi­al­wis­sen nach­schla­gen und bei­tra­gen kann. Ich selbst habe zeit­wei­lig ger­ne mal ins Kaf­fee-Wiki geschaut, und auch in spe­zi­el­len Foren wie dem IP-Pho­ne-Forum gibt bzw. gab es Wikis, in denen Benut­zer Infor­ma­tio­nen z.B. über Inter­net­te­le­fo­ne und Tele­fon­an­la­gen wie die Fritz!Box fin­den. Wer also Infos benö­tigt, die weder über den Kun­den­ser­vice eines Unter­neh­men zu erfah­ren sind  noch im Lexi­kon ste­hen, kann hier viel erfahren.