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Kategorie: Lesenswert

Wieder ein Buchtipp: „Die Erfindung des Lebens“


41ZmGlZHmRL._SL160_Und wieder ist mir ein literarischer Leckerbissen in die Hände gefallen, diesmal durch eine Empfehlung aus meiner Familie: Hanns-Josef Ortheils „Die Erfindung des Lebens“.

Absolut fesselnd beschreibt Ortheil in seinem autobiografischen Roman seine erst zwanzig Lebensjahre, von denen er einige seiner Kindheit völlig stumm verbrachte, in einem extrem engen Verhälltnis zu seiner Mutter, die ebenfalls, allerdings durch ein psychisches Trauma, die Stimme Weiterlesen

Edmund de Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen – Ein absoluter Leckerbissen zum Lesen!

Einen Leckerbissen habe ich vor kurzem zuende gelesen: Edmund de Waals „Der Hase mit den Bernsteinaugen: Das verborgene Erbe der Familie Ephrussi“. Wer sich weder für französische Kultur, das Wiener Leben um und nach der Jahrhundertwende noch für jüdisches Leben, Familiengeschichten oder japanische Kultur interessiert, kann jetzt mit dem Lesen aufhören. All das steckt nämlich in Edmund de Waals Buch. De Waal ist der 1964 geborene Nachkomme einer alten jüdischen Familie, die, ausgehend von Odessa, ihre Söhne in die Hauptstädte Europas schickte, um das anfängliche Weizenhandelsgeschäft zu expandieren und so zu einer großen Finanzdynastie wurde.
Aufhänger und roter Faden durch dieses Buch ist eine Sammlung kleiner japanischer Netsuke-Figuren, die de Waal erbt und die ihn dazu animiert, deren Geschichte und damit auch seine Familiengeschichte zu recherchieren und schließlich aufzuschreiben. Sie sind das einzige sichtbare Erbe, dass diese Familie, die in einem Atemzug mit den Rothschilds genannt wurde, nach der Nazizeit noch hat, und das von einer Hausangestellten gerettet und versteckt wurde.
Eine klassische Handlung gibts hier als nicht, doch dieser Streifzug durch Kultur-, Welt- und Familiengeschichte von Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Jüngste Vergangenheit liest sich spannend, unterhaltsam und lehrreich zugleich. Das Buch ist gleichzeitig mit einer gewissen Distanz und einer Faszination gegenüber diesen Figuren und dieser Familie geschrieben, und durchaus selbstreflektierend über de Waals eigenes Verhältnis zu seiner Herkunftsfamilie und den umfangreichen Recherchen, während derer er seinem eigentlichen Beruf als Töpfer oder (besser Keramikkünstler) kaum nachgehen konnte. Eine absolut lohnende Lektüre.

Aktuelle Lektüre: Lessing, Nathan der Weise

Das wollte ich schon lange mal lesen, und nun liegt es als Bettlektüre auf dem Nachttisch: Nathan der Weise. Ein dramatisches Gedicht in fünf Aufzügen. Als Bewohner der Lessingstraße und ehemaliger Schüler eines Lessing-Gymnasiums ohne Lessing durchs Leben zu kommen, wäre ja schon fast ignorant. Gereizt hat mich „Nathan der Weise“, weil ich zum einen von der Ringparabel weiß und zum anderen ein Zitat zum Streit zwischen den Religionen gehört hatte, das mich darauf neugierig gemacht hat. Nun denn, es lässt sich gut an. Mit schönem Rhythmus und noch schönerer Sprache möchte ich den Text am liebsten laut lesen. Also: macht wirklich Spaß, das zu lesen!

Die Schule des Lesens

Einen bibliophilen Leckerbissen hat mir Esther zum Geburtstag geschenkt: „Die Schule des Lesens“ heißt das Werk. Herausgegeben wurde es von der „Collection Büchergilde“, einem Ableger der Büchergilde Gutenberg und der Stiftung Lesen, verkauft wird es aber auch unter anderem in den Geschäften der Geschenkladenkette Bellobene.

Bereits der Verlag ist schon ein Hinweis darauf, dass man Qualität erwarten darf, hat doch die Büchergilde schon etliche Preise für die sorgfältige Herstellung und die gelungene Gestaltung ihrer Buchausgaben errungen. Hier handelt es sich allerdings weniger um ein Buch im klassischen Sinne: Den Leser erwartet eine Mappe (die Herausgeber nennen sie „Kladde“) mit Texten von 34 Schriftstellern, Verlegern und anderen Künstlern zu ihren prägenden Leseerfahrungen auf knapp 50 Einzelblättern.

Zu den Autoren gehören Schriftsteller wie Günter Grass, Bodo Kirchhoff oder Martin Suter. Vertreten sind auch beispielsweise die Illustratorin Rotraud Susanne Berner und die Filmemacherin Doris Dörrie ebenso wie Hans-Joachim Gelberg, Begründer des Beltz & Gelberg-Kinder- und Jugendbuchprogramms sowie Manfred Metzner vom Heidelberger Verlag „Das Wunderhorn“.
Sie alle haben teils amüsante, teils spannende, aber immer interessante Geschichten darüber zu erzählen, welche Leseerfahrungen sie geprägt haben. Das fängt bei einfachen Weinetiketten an und erstreckt sich von typischen Werke der Kindheit und Jugend wie Karl Mays „Winnetou“, der Bibel und Astrid Lindgrens „Kalle Blomquist“bis hin zu Hermann Hesses „Eine Stunde hinter Mitternacht“ oder Thomas Manns Klassiker „Die Buddenbrooks“ und „Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“. Spannend sind auch einige weniger bekannte Titel wie Robert Burntons „The Anatomy of Melancholy“ oder „Die Zimtläden“ von Bruno Schulz.

Amüsant ist in jedem Falle, wie der junge türkischstämmige Autor Selim Özdogan beschreibt, dass ein Satz auf dem Weinetikett eines von ihm gekauften Weins aus dem Supermarkt ihn lehrte, den Sätzen, die er häufig eher nebenbei liest, mehr Aufmerksamkeit zu schenken.
Besondere Freude hat mir gemacht, dass jedes Blatt separat und mit Blick auf die jeweilige Geschichte mit unterschiedlicher Typografie und speziellem Layout gesetzt worden ist, teilweise auch mit Illustrationen versehen.

Doch nicht nur dies: Für Menschen, die sich nicht nur mit dem Inhalt des Gelesenen beschäftigen, sondern auch Freude an Typografie haben, ist eine eigene Übersicht über die jeweils verwendeten Schrifttypen von der American Typewriter (Veit Heinichen) über Futura (Tucholsky) und Meta Plus (Judith Kuckart) bis Vergil (Alberto Dines) reichen oder von Bodoni bis Trajan.

Eher zur eigenen Selbsterkenntnis ist auch ein Fragebogen beigefügt, in dem man sich nach dem persönlichen Lieblingsbuch oder Lieblingsautoren befragen kann, wie man dazu kam, welchem Schriftsteller man schon selbst begegnet ist oder was Literatur bewirken kann.

Wer also aus Vergnügen liest und gerne erfährt, was andere beim Lesen bewegt hat und sich an der Präsentation des Lesestoffs erfreut, für den ist diese Mappe ein hervorragendes Geschenk und mit 19,95 Euro überdies nicht einmal teuer.

Bestelllinks:

Büchergilde Gutenberg

Bellobene

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