Edmund de Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen – Ein absoluter Leckerbissen zum Lesen!

Einen Leckerbissen habe ich vor kurzem zuende gelesen: Edmund de Waals „Der Hase mit den Bernsteinaugen: Das verborgene Erbe der Familie Ephrussi“. Wer sich weder für französische Kultur, das Wiener Leben um und nach der Jahrhundertwende noch für jüdisches Leben, Familiengeschichten oder japanische Kultur interessiert, kann jetzt mit dem Lesen aufhören. All das steckt nämlich in Edmund de Waals Buch. De Waal ist der 1964 geborene Nachkomme einer alten jüdischen Familie, die, ausgehend von Odessa, ihre Söhne in die Hauptstädte Europas schickte, um das anfängliche Weizenhandelsgeschäft zu expandieren und so zu einer großen Finanzdynastie wurde.
Aufhänger und roter Faden durch dieses Buch ist eine Sammlung kleiner japanischer Netsuke-Figuren, die de Waal erbt und die ihn dazu animiert, deren Geschichte und damit auch seine Familiengeschichte zu recherchieren und schließlich aufzuschreiben. Sie sind das einzige sichtbare Erbe, dass diese Familie, die in einem Atemzug mit den Rothschilds genannt wurde, nach der Nazizeit noch hat, und das von einer Hausangestellten gerettet und versteckt wurde.
Eine klassische Handlung gibts hier als nicht, doch dieser Streifzug durch Kultur-, Welt- und Familiengeschichte von Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Jüngste Vergangenheit liest sich spannend, unterhaltsam und lehrreich zugleich. Das Buch ist gleichzeitig mit einer gewissen Distanz und einer Faszination gegenüber diesen Figuren und dieser Familie geschrieben, und durchaus selbstreflektierend über de Waals eigenes Verhältnis zu seiner Herkunftsfamilie und den umfangreichen Recherchen, während derer er seinem eigentlichen Beruf als Töpfer oder (besser Keramikkünstler) kaum nachgehen konnte. Eine absolut lohnende Lektüre.

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